Geschichte

Kultur-Veranstaltungen in deutscher Sprache: Volksbildungswerk greift Visionen der Bevölkerung auf

Wenn man bedenkt, dass Sankt Vith 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, vollständig zerstört in Schutt und Asche lag, ist es nicht verwunderlich, dass auch noch knapp zehn Jahre später die kulturelle Landschaft in Sankt Vith und Umgebung recht öde daniederlag. Die Menschen waren notgedrungen mit sich selbst beschäftigt, mit der Behebung der materiellen Schäden und dem Aufbau einer neuen Existenz. In dieser sorgenvollen Zeit stand den Menschen der Sinn nur wenig nach Kultur.

Und dennoch kamen Mitte der fünfziger Jahre allmählich wieder andere Interessen auf. Verstärkt wurde bald der Wunsch geäußert, vor Ort anspruchsvolle kulturelle Veranstaltungen durchzuführen. Es gab zwar schon seit einigen Jahren eine Vereinigung, die sich dieses Ziel gesetzt hatte; allerdings organisierte der „Cercle littéraire“ nur Aufführungen in französischer Sprache mit etablierten Ensembles aus Lüttich und Brüssel. Deren vorrangige Kundschaft war jedoch weniger die hiesige Bevölkerung als vielmehr die damals recht zahlreich in Ostbelgien vertretene wallonische Beamten- und Lehrerschaft sowie deren Familien.

Volksbildungswerk St.Vith

Das Volksbildungswerk wurde am 1. September 1957 in Sankt Vith gegründet.

In der St. Vither Bevölkerung entstand zunehmend der Wunsch, Vorführungen in der eigenen Muttersprache, also der deutschen Sprache, zu organisieren und daran teilhaben zu können. Dass für solche Veranstaltungen durchaus Interesse bestand, hatte die Aufführung des Stücks „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist gezeigt, für die der St.Vither Männergesangverein unter großen Schwierigkeiten die Landesbühne Rheinland-Pfalz engagiert hatte. „Der Saal war brechend voll und der Beweis erbracht, dass Kultur in deutscher Sprache gefragt war,“ so Ernst von Frühbuss, langjähriger Vorsitzender des Volksbildungswerks.

Daraufhin kam eine Gruppe von 16 kulturinteressierten Bürgern aus Sankt Vith und Umgebung zusammen und beschloss, eine Vereinigung ins Leben zu rufen, um der breiten Öffentlichkeit künstlerisch-bildende Unterhal­tung zu bieten und zur kulturellen Bereicherung der Allgemeinheit beizutragen. So wurde das Volksbildungswerk (kurz VBW), das heutige arsVitha, am 1. September 1957 im Keller der Katharinenkirche in Sankt Vith gegründet. „Gründungsväter“ waren 15 Herren und 1 Frau: Paul Bijvoet, Hubert Funk, Wim Geelen, Nikolaus Giebels, Johann Huppertz, Nikolaus Kreins, Yvonne Kreit, Robert Linden, Michel Louis, Richard Rauw, Jos Scheffen, Klaus Schulzen, Richard Schwall, Bruno Thomé, Leo Veithen und Ernst von Frühbuss. Zum ersten Vorsitzenden wurde Ernst von Frühbuss aus Wallerode gewählt, der die Geschicke des Volksbildungswerks fast 40 Jahre leitete, bis er 1996 auf eigenen Wunsch zurücktrat.

In Anlehnung an die damals für derartige Kultureinrichtungen im französischsprachigen Teil Belgiens verwendete Bezeichnung „Éducation populaire“ und in der Hoffnung, als Kulturvereinigung offiziell anerkannt und vom Staat bezuschusst zu werden, gaben sie der neugeborenen Vereinigung den Namen „Volksbildungswerk“.

Von Veranstaltungsverboten und Entnazifizierungszeugnissen: Der schwierige Start des Volksbildungswerkes

Der erste Versuch, bereits im Dezember 1957 ein Gastspiel der Landesbühne von Nordrhein-Westfalen zur Aufführung zu bringen, sollte allerdings völlig fehlschlagen. Auf dem Programm stand das Stück „Der Patriot“ von Alfred Neumann. Darin ging es um die Frage, wie der Mensch den Mord an einem Diktator verantworten kann. Nachdem die Veranstaltung publik gemacht worden war, geschah jedoch Folgendes. Entgegen seiner bisherigen Praxis, ausschließlich Werke in französischer Sprache zu organisieren, engagierte der „Cercle littéraire“ kurzfristig das Theater Trier und setzte den Termin genau einen Tag vor der geplanten Aufführung des Volksbildungswerkes an. Allen war klar, worauf das hinauslief und was man im Schilde führte. „Die wollten unsere Tätigkeit im Keim ersticken“, so erinnert sich unser Vorstandsmitglied Richard Schwall, ein Mann der ersten Stunde. Aber es sollte noch schlimmer kommen: „Zusätzlich wurde unsere Veranstaltung kurzfristig, d.h., einige Tage vor der Aufführung, durch den damaligen beigeordneten Bezirkskommissar Henri Hoen polizeilich verboten. In unseren Augen war das Willkür und reinste Schikane“.

Die Verantwortlichen des Volksbildungswerks ließen sich dadurch jedoch nicht entmutigen und setzten bereits für den 28. März 1958 „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller aufs Programm. Diesmal wagte es niemand, die Veranstaltung zu verbieten; sie ging mit großem Erfolg über die Bühne. Dennoch blieben die Probleme bei der Programmgestaltung vielfältig. So mussten alle Schauspieler und Bühnenarbeiter der Landesbühne Rheinland-Pfalz bei weiteren Aufführungen im September und November 1958 und auch noch später ein persönliches offizielles Entnazifizierungs- und Führungs­zeugnis bei der Grenzüberschreitung vorzeigen. Unvergessen blieb für Ernst von Frühbuss auch, dass am Saaleingang zwei uniformierte Gendarmen standen, die jeden Besucher kritisch unter die Lupe nahmen und dass sich mehrere Mitglieder des Staatssicherheitsdienstes, der „Sûreté Nationale“, in Zivil als anonyme Beobachter im Saal befanden.

Finanziell war das Volksbildungswerk nicht auf Rosen gebettet. Ein Kulturbetrieb mit professio­nellem Anspruch konnte auch zu damaligen Zeiten kaum ohne staatliche Förderung überleben. Aber eben diese finanzielle Förderung blieb anfangs aus, sodass der Vorstand, allen voran der Vorsitzende von Frühbuss, viel Geld vorstrecken musste, um die Rechnungen zu begleichen. Erst Ende 1959 erhielt das VBW einen ersten staatlichen Zuschuss in Höhe von 20.000 BEF; dennoch galt es einen Restbetrag von 42.452 BEF zu begleichen, was in heutiger Währung einem Wert von mehr als 10.000 Euro gleichkäme. Erst im April 1961 konnte das Volksbildungswerk kräftig durchatmen, als es seitens des Kulturministeriums (vom Dienst „Éducation Populaire“) einen Zuschuss in Höhe von 64.000 BEF erhielt, sodass alle Schulden beglichen werden konnten und die Privatleute ihr Geld zurückerhielten.

Unbestritten gehörte damals außer dem persönlichen Interesse an Kultur und besonders Theater auch eine gehörige Portion Zivilcourage dazu, in solch bewegter Zeit bei der Gründung eines deutschsprachigen Kulturvereins seinen Namen herzugeben.

Pionierarbeit Joseph Schroeders etabliert VBW als professionelle Kulturinstitution in der Großregion

Seit April 1979 stand Joseph Schroeder als Geschäftsführer an der Spitze der Vereinigung. Zu Beginn seiner Karriere befasste sich Schroeder – zunächst rein ehrenamtlich – mit der finanziellen Konsolidierung der VoG. Dank der Kulturautonomie und in Anerkennung der durch das Volksbildungswerk in über drei Jahrzehnten geleisteten Kulturarbeit wurde Joseph Schroeder von der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft 1991 teilzeitig und einige Jahre später vollzeitig von seinem Lehramt freigestellt, sodass er ab diesem Zeitpunkt damit beginnen konnte, im Volksbildungswerk professionelle Strukturen aufzubauen.

1982 zelebrierte das VBW sein erfolgreiches 25-jähriges Bestehen u. a. mit einem Referat des bekannten Autors Max von der Grün, mit einer Aufführung von Brechts „Dreigro­schenoper“ vor 700 Zuschauern und mit einer Erstaufführung eines sinfonischen Konzertes in St.Vith.

Am 1. Oktober 1983 mietete das Volksbildungswerk das damals vor der Schließung stehende und recht heruntergekommene Kino Corso in der St.Vither Bahnhofstraße. Einige Jahre später beschloss der Verwaltungsrat, ein ehrgeiziges Renovierungsprogramm durchzuführen, das in der Zeit von 1987 bis 1997 umgesetzt wurde. Heute finden in dem Gebäude mit altehrwürdiger Kino-Architektur, angelehnt an die 30er Jahre, alljährlich zwischen 400 und 500 Filmvorführungen und punktuell auch arsVitha-Veranstaltungen (Referate, Konzerte…) statt.

Seit Beginn der achtziger Jahre ging das VBW unter der Federführung von Joseph Schroeder gezielt dazu über, ein breiteres, sehr anspruchsvolles Kulturprogramm anzubieten:

  • Im Juli 1981: erste Kunst-Ausstellung im Rathaus („Katzen in der Modernen Kunst“), seitdem alljährlich Ausstellungen (Malerei, bildende Kunst, Installation)
  • Seit 1982: alljährlich sinfonische Konzerte
  • 1986: Mitgründer des Internationalen TheaterFESTs der Deutsch­sprachigen Gemeinschaft
  • 1992: Mitgründer des OstbelgienFestivals
  • 1992-1996: Herausgabe der  Buchtrilogie „Leben und Feiern auf Lande – Die Bräuche der belgischen Eifel“

Neues Design, selbiger Anspruch: Aus Volksbildungswerk wird arsVitha

Da eine angemessene Infrastruktur für die Kulturveranstaltungen des Volksbildungswerkes fehlte (bislang wurden diese u.a. in Sporthallen unter umständlichen Bedingungen dargeboten), brachte das VBW seit März 1981 unermüdlich die Forderung nach dem Bau eines modernen Kulturhauses in St.Vith an die Adresse der Politik vor. Die Finanzierung für den Bau des Kultur-, Konferenz- und Messezentrums St.Vith konnte mehr als ein Vierteljahrhundert später gesichert werden. Die Bauarbeiten wurden im Sommer 2009 abgeschlossen.

Seit September 2009 steht somit „das“ Triangel und ist betriebsbereit. Dafür sind die Verwaltungsrats-Mitglieder des Volksbil­dungswerkes sehr dankbar; auch sind diese ein wenig stolz, dass Geschäfts­führer Joseph Schroeder eine der Haupttriebfedern dieses einmaligen Groß­projek­tes war und als Anerkennung dafür auch zum ersten Direktor des neuen Zentrums ernannt worden ist.

„arsVitha Kulturforum VoG“ lautet seit September 2009 der neue Name, den sich das altbekannte Sankt Vither „Volksbildungswerk“ anlässlich der Eröffnung des Kultur-, Konferenz- und Messezentrums Triangel gegeben hat. Für den wichtigsten Kulturveranstalter in der Region eröffnet das Zentrum bis heute völlig neue Perspektiven, sodass den Verantwortlichen des VBW’s die Eröffnung des Zentrums der geeignete Anlass schien, sich einen neuen Namen zu geben und arsVitha in einem modernen Design (neues Logo, neue Webseite…) erscheinen zu lassen.

Das Volksbildungswerk hat sich somit nach bescheidenen Anfängen allmählich zu einem der bedeutendsten Kulturveranstalter – nicht nur in Ostbelgien, sondern in der ganzen Provinz Lüttich – entwickelt. Es hat seine Tätigkeiten beständig ausgeweitet und organisiert heute unter dem Namen arsVitha Kulturforum VoG alljährlich zwischen 60 und 80 Veranstal­tungen in den Bereichen Theater, Musik, Bildende Kunst, Kabarett, Tanz, Literatur, Vortrag, Film und weiterer Kultursparten an. Das Wirken der VoG reicht weit über die Grenzen der Gemeinde Sankt Vith hinaus und hat durch vielfältige Kontakte nach Deutschland, Luxemburg, Österreich und anderen Ländern eine europäische Dimension erreicht.

2014-2015: Um arsVitha bildet sich ein neues Team

Bei der Erstbesetzung der Stelle als Kulturmanagerin machte Jenny Dederichs aus St.Vith das Rennen. Seit dem 22. Juli 2014 ist Jenny Dederichs nicht nur die neue, sondern sogar die erste Kulturmanagerin arsVithas und somit für die Bereiche Presse, Marketing, Eventmanagement & Künstlerbetreuung zuständig.

Seit dem 5. Oktober 2015 ist Jan Piette der neue Mann an der Spitze des arsVitha Kulturforums. Jan Piette löst somit Joseph Schroeder in der Geschäftsführung ab, der arsVitha knapp vier Jahrzehnte lang geleitet und zu einem professionellen Kulturveranstalter nach vorne gebracht hat.